Anthropologische Perspektiven im Lichte des Paulus-JahresJahrestagung 2009 des Josef-Kentenich-Instituts Nicht nur die Tatsache, dass der JKI-Preis zwei Mal verliehen wurde, sondern auch die anthropologische Thematik machte die diesjährige Jahrestagung des Josef-Kentenich-Instituts bedeutsam und interessant. Drei dichte Statements von hoher wissenschaftlicher Qualität gaben Anstöße zu intensiven Gesprächen im Plenum und in Gruppen. "Über paulinische Impulse im Menschenbild Josef Kentenichs" sprach P. Dr. Joachim Schmiedl ISch, Professor für Kirchengeschichte an der Philosophisch-theologischen Hochschule Vallendar. Er bezog sich dabei vorwiegend auf den Exerzitienkurs "Der erlöste Mensch", den Pater Kentenich in den Jahren 1935/36 mehrmals gehalten hat und der – bearbeitet und herausgegeben von Dr. Schmiedl – im Patris-Verlag als Buch erschienen ist. Josef Kentenich knüpfte – wie es für ihn typisch war – an den verschiedenen "Erlösungslehren" des 20. Jahrhunderts an. Dafür stehen Namen wie Charles Darwin, Arthur Schopenhauer, Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Karl Marx, Friedrich Engels, Julius Langbehn, Alfred Rosenberg, Martin Heidegger. Dafür stehen auch die verschiedenen Ismen des letzten Jahrhunderts: Idealismus, Kommunismus, Nationalsozialismus – die letzten beiden von Pater Kentenich oft unter dem Begriff "Bolschewismus" zusammengefasst. Mit all diesen Strömungen setzte sich Josef Kentenich auseinander, um die Bedeutung des wahren erlösten Menschen, des durch Christus erlösten Menschen darzulegen und zu beleuchten. Diese Strömungen sind für Kentenich nicht einfach nur Irrlehren, sie sind Zeichen einer Erlösungssehnsucht, die den aktuellen Hintergrund des Exerzitienkurses darstellt. Die biblisch-spirituelle Quelle ist der Römerbrief. Dessen Botschaft ist die Antwort auf jede Erlösungssehnsucht. Pater Kentenich gliedert seine Darlegungen aus dem Römerbrief in drei Themenkreise: (1) Das Werden, (2) das Wesen und (3) das Wirken des erlösten Menschen. Im Anschluss an diesen Exerzitienkurs formulierte P. Schmiedl drei Thesen: - Auf dem Hintergrund der philosophisch-religiösen und lebensmäßigen Bestreitung einer Erlösung durch Gott entwickelt P. Kentenich seine Anthropologie. Der Mensch steht in einer kontingent-kreatürlichen Solidarität mit der Schöpfung. Diese Schicksalsverstrickung der gebrochenen Natur wird in Kreuz und Auferstehung Jesu Christi umgekehrt. Der Mensch kann in der Gnade wieder die Kehr zu Gott finden.
- „Das Wesen des erlösten Menschen besteht in der Teilnahme am göttlichen Leben, das der in uns wohnende Heilige Geist uns schenkt, durch Jesus Christus, das neue Haupt der menschlichen Gemeinschaft, der Gemeinschaft der Heiligen, des mystischen Leibes" (S. 153).
- P. Kentenich plädiert für eine theologisch fundierte Anthropologie, die von einem ganzheitlichen Menschenbild ausgeht, in dem die natürlichen Anlagen (Natur) nicht von der Erlösung (Gnade) getrennt sind, sondern sich gegenseitig bedingen und bereichern.
Dr. Joachim Söder, neuerdings Professor für Philosophie an der Universität Aachen, legte in anschaulicher Weise "Aktuelle Tendenzen und Herausforderungen für die heutige theologische Anthropologie" dar. Dabei beschränkte er sich auf zwei Denker unserer Tage: Ernst Tugendhat (*1930) und Giorgio Agamben (*1942). In seinen Werken "Egozentrizität und Mystik" (2003) und "Anthropologie statt Metaphysik" (2007) setzt Ernst Tugendhat als Sprachanalytiker an und definiert Freiheit durch die Möglichkeit und Fähigkeit "Ich" sagen zu können ("Egozentrizität"). Seine Kontingenzerfahrung führt den Menschen zu zwei Möglichkeiten. Die eine Möglichkeit ist die Mystik, die er als "Verstummen vor einem unpersönlichen Weltganzen" definiert; die zweite Möglichkeit sieht Tugendhat in der Religion als Hinwendung zu einem personalen Gott. Jedoch für alle verblüffend: Seine "intellektuelle Redlichkeit" verbietet es ihm, sich einem personalen Gott zuzuwenden; er schließt den Weg der Religion aus. Trotz dieser negativen Einstellung des Autors formuliert Joachim Söder aus den Gedankengängen Ernst Tugendhats seine erste These: - Die Seinsstruktur des Menschen ist auf einen personalen Gott hin angelegt.
Giorgio Agamben war der zweite Denker, auf den sich Joachim Söder bezog, vorwiegend auf dessen Werke "Homo sacer - Die souveräne Macht und das nackte Leben" (1995/2002), "Die Zeit, die bleibt - Ein Kommentar zum Römerbrief" (2000/2006) und "Das Offene - Der Mensch und das Tier" (2002/2003). In der Metaphysik des Menschen erkennt Agamben "Animalität" (Natur, "nacktes Leben") und "Humanität" (Geist/Logos). Dass der Geist über das "nackte Leben" Macht ausüben will, ist Quelle der "Biopolitik", die die Tendenz hat, Leben zu "machen". Daraus folgert Söder seine zweite These: - Im Zeichen reiner Humanität wird der Mensch bis in die Schicht des 'nackten Lebens' zum bloßen Objekt degradiert.
Die Zerrissenheit des Menschen zwischen "Animalität" und "Humanität" ist nicht zugunsten eines der beiden Pole zu beseitigen, sondern nur in einen „messianischen" Zustand des „Zwischen" aufhebbar. Der Bewusstseinszustand dieses „Zwischen" ist der Glaube, durch den sich die Wahrnehmung aller Wirklichkeit radikal verwandelt. Daraus folgt die dritte These: - Glaube ist keine additive Eigenschaft, sondern Modalität, unter der die Wirklichkeit neu erscheint.
Im Anschluss an die Oktoberwoche 2008 beleuchtete Dr. Daniel Keller einige Perspektiven des Gender-Mainstreaming. Diese fasste er in drei Thesen zusammen: - Die Gendertheorie basiert auf der Unterscheidung zwischen dem biologischen ,Sex' und dem gesellschaftlich konstruierten ,Gender'.
- Gender-Mainstreaming ist das nicht hinterfragte Paradigma gesellschaftlicher Bewertung von Geschlechtlichkeit.
- Die Gendertheorien und die katholische Position setzen ein unterschiedliches Wirklichkeitsverständnis voraus.
In Gruppengesprächen über die vorgelegten Thesen und/oder über vorgegebene Texte konnten die dargelegten Gedanken nachgearbeitet und vertieft werden. Eine Passage aus dem Paulus-Oratorium von Felix Mendelssohn-Bartholdy und ein gemeinsamer abendlicher Besuch der Gründerkapelle umrahmten den dichten Arbeitstag und lockerten ihn auf. Begonnen hatte die Jahrestagung mit einem gemütlichen Beisammensein am offenen Kamin. Dort wurde über verschiedene Aktivitäten des JKI berichtet. Für die JKI-Sektion Würzburg war in den letzten Monaten die von den deutschen Bischöfen in Auftrag gegebene Sinusstudie Anlass, die Position Pater Kentenichs zu beleuchten. Die JKI-Sektion Mittelrhein hat zusammen mit Dr. Peter Wolf das Paulusbuch erarbeitet. Der Autor konnte darüber berichten, dass schon Übersetzungen in mehrere Sprachen vorliegen: englisch, spanisch, portugiesisch, polnisch; in Vorbereitung ist eine Übersetzung ins Russische. Von den Paulus-Abenden auf Belmonte/Rom erhofft man sich eine italienische Übersetzung. Berichtet wurde auch von verschiedenen Kursen, die in der Trägerschaft des JKI laufen: Das 'Flaggschiff' ist nach wie vor der JKI-Kurs Geistliche Begleitung unter der Leitung von P. Günter Niehüser, Barbara Stolzenberger und Pfarrer Hans Stehle. Die Kentenich-Akademie für Junge Erwachsene unter der Leitung von Dr. Bernd Biberger ist in ihrer zweiten Runde. Das Pilotprojekt für den Jahreskurs Kentenich-Pastoral nähert sich dem Abschluss. Ein weiteres beachtenswertes Vorhaben ist ein Kurs für Verantwortliche in der Priesterausbildung, der unter der Leitung von P. Günter Niehüser und Subregens Dr. Michael Gerber auf Berg Moriah stattfinden wird. Als Fazit dieser Jahrestagung darf man festhalten: Das Josef-Kentenich-Institut ist gut aufgestellt. Es darf im kommenden Jahr mit guten Gründen sein 40jähriges Bestehen gebührend feiern. Oskar Bühler Verleihung des JKI-Preises 2009 Die preisgekrönten Diplomarbeiten: Der JKI-Preis
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